Ein Tag am Meer, von Jan und Judit Conrad
Montag, 7. März 2011
Donnerstag, 3. März 2011
Enzo erzählt von Luigis abenteuerlichem Weg ins Natur- und Katzenhaus
Luigi
ist ein Kater, wie ich. Er ist nur viel älter und rot getigert mit weißer
Schwanzspitze.
Es
geschah vor langer Zeit, da wurden drei kleine Kätzchen in einem Haus geboren,
in dem eine Familie mit großen persönlichen Problemen wohnte. Das bedeutete,
sie zankten und schrien den ganzen Tag und ab und zu schubsten und
schlugen sie sich. Das war nicht nur für die Kinder furchtbar, die Katzen
litten auch und so machten sie sich auf den Weg ein neues zu Hause zu finden.
Zu dritt marschierten sie los und schon nach kurzer Zeit fanden die beiden
langhaarigen wunderschönen Mädchen eine Ruhe und Zuwendung versprechende
Unterkunft. Katerchen war zu scheu sich den Menschen zu nähern.
Durch einen Fußtritt seines ewig schreienden ausrastenden Futtergebers
war sein Kiefer gebrochen, das Fressen beschwerlich und er konnte sein Maul
nicht ganz schließen. Es schmerzte. Kam ein Mensch in seine Nähe, geriet er in
Panik und seine Augen sprachen von der Angst vor weiteren Schlägen und Tritten.
So wanderte er aus der kleinen Stadt hinaus. Es war Sommer und der Tisch für
einen hungrigen Kater in der Feldflur reich gedeckt. Regnete es, fand er in
einer kleinen Scheune Unterschlupf, in der schon andere heimatlose Katzen
gestrandet waren und ein freundlicher Mann täglich eine große Schale mit Milch
füllte. Es wurde Oktober, der erste kalte Wind strich über abgeerntete
Felder. Katerchen war nun fünf Monate alt und ihm war anzusehen, wie groß und
stark er einmal werden würde. In der Hierarchie der Scheunenkatzen stand er
noch auf der untersten Ebene, aber das störte ihn nicht. Er dachte nie daran
die Scheune und seine Kumpel zu verlassen. Aber es kam anders.
Nicht
weit von der Scheune entfernt führte ein Spazierweg vorbei, der täglich von
vielen Menschen genutzt wurde, ihre Hunde auszuführen. Die meisten fuhren mit
dem Auto vor, öffneten die Tür, ihr Hund sprang heraus und rannte im
Sauseschritt am Straßenrand entlang und der Mensch fuhr langsam mit dem Auto
hinter ihm her. Hier und da gab es auch Menschen die sich darüber freuten mit
ihrem Hund zu rennen, zu toben, Stöcke zu werfen und einfach gemeinsam Spaß zu
haben. Und das ist die Stelle an der Katerchens Leben sich ändern sollte.
Luise
ging mit ihrem kleinen schon etwas älteren, keiner Rasse zugehörenden mit
Katzen und Vögeln aufgewachsenen Hund, einfach ein rundherum netter
intelligenter schwarzhaariger Herr mit Namen Blacky, den Weg entlang. Sie
nahmen sich viel Zeit. Wie jeden Morgen lief ihre kleine Katze
Flecki hinter ihnen her, während die alten Kater zu Hause blieben und die Ruhe
vor der allzu lebendigen Gefährtin genossen.
Es war
ein herrlicher Herbsttag, Sonnenschein verwöhnte die Erde und ihre Bewohner und
so liefe das Trio fröhlich immer weiter, bis sie den Bereich der eingezäunten
Steinbrüche erreicht hatten.
Was
war das? Blacky spitzte die Ohren, Flecki wurde unruhig und versuchte einen Weg
über, unter oder durch den Zaun zu finden und Luise nahm ein klägliches Miauen
wahr. Sie war eine tatkräftige Frau, zögerte nicht lange, bat die Tiere am Zaun
stehen zu bleiben und kletterte kurz entschlossen darüber. Am Rand des
Steinbruchs stehend überschaute sie schnell die Situation, in die sich das
kleine rote Katerchen gebracht hatte. Wahrscheinlich auf der Kaninchenjagd war
er in den Steinbruch gerutscht, auf einem kleinen Vorsprung zum Stehen gekommen
und nun wusste er nicht weiter. Zum Heraufklettern war die Wand zu steil und in
die Tiefe wollte er auf keinen Fall. Wusste er doch nicht, dass es an anderer
Stelle sogar Wege gab, die den LKWs ermöglichten den Steinbruch zu befahren.
Luise sprach beruhigend auf ihn ein. Sie ahnte nicht, dass er keinem Menschen
vertraute. Was konnte sie unternehmen, um den kleinen Kerl zu retten. Erst
einmal bat sie ihn durchzuhalten. Sie würde ganz bestimmt zurückkommen und ihn
aus dieser Falle befreien. Katerchen glaubte nichts, aber die Tiere am Zaun
signalisierten ihm Zuversicht.
Bereits
am frühen Nachmittag hatte Luise all die Dinge organisiert, mit deren
Hilfe sie glaubte Katerchen zu retten und sie belud ihr Auto mit Seil, Futter
und einer Katzenfalle aus dem Tierheim. Ein netter Nachbar, zum Glück war er
schon im Ruhestand, unterstützte sie bei der Aktion und wie sich jeder denken
kann, sie hatte Erfolg.
Wir
wissen nicht wie lange Katerchen schon auf dem Vorsprung saß, das hatte er vor
lauter Schreck selber vergessen und auch in späteren Jahren in Gesprächen mit
uns jungen Katzen fiel ihm das nicht mehr ein.
Für
uns ist nur wichtig, dass er die Falle betrat, die Luise mit Hilfe des Nachbarn
und der Seile auf den Vorsprung herunter ließ. Er hatte so viel Hunger, dass er
all sein Misstrauen beim Duft der Köstlichkeiten, die da vor ihm ausgebreitet
waren, unterdrückte. Er saß in der Falle, wurde hochgezogen, starb fast vor
Angst und beim Versuch ihn aus der Falle in einen Katzenkorb zu setzen biss,
kratzte und fauchte er so heftig, dass Luise schnell die Falle schloss und ihn
darin sitzen ließ.
Am
Abend erwartete sie Gäste. Ihr könnt euch sicher denken, wer das war. Als
Renate mit ihrem Mann eintraf hatte Katerchen sich immer noch nicht beruhigt,
saß verschüchtert in einer Ecke des langen Käfigs und fraß nun auch nicht mehr.
Die beiden sprachen mit ihm, bewunderten seine Schönheit, sein kuscheliges Fell
und Katerchen spürte ihr Entsetzen über seinen gebrochenen Kiefer.
Im
Laufe des Abends kam das Gespräch immer wieder auf Luises Rettungsaktion
zurück und traurig stellte sie fest, ich kann Katerchen nicht behalten. Ihr
Mann war allergisch gegen rote Katzenhaare. Renates Mann winkte ab, wir haben
mit unseren Tieren genug. Sie blieb still und Luise wollte am nächsten Morgen
Katerchen schweren Herzens samt Falle ins Tierheim bringen.
Auch das
kam anders. Im Tierheim war die Katzenseuche ausgebrochen und die
Leiterin befürchtete, dass unser Katerchen zu wenig Widerstandskraft habe und
sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen anstecken würde. Ob Luise ihn nicht
behalten könnte, bis die Seuche unter Kontrolle gebracht wäre und Katerchen
wieder aufgepäppelt sei. Und so stand wenig später die ratlose Luise vor
Renates Haustür, Katerchen inzwischen mit Hilfe der erfahrenen
Tierheim-Mitarbeiter und dicken Handschuhen in einen Katzenkorb umgesetzt.
Warum
soll ich es lange ausschmücken, Luigi zog zu Renate und ihrer Familie und der
restlichen Katzenbande ein.
Der Beginn
ihrer gemeinsamen Zeit begann mit Aufregungen. Beim ersten Versuch den Korb zu
öffnen verschwand Katerchen. „Nicht aufzufinden“ war der Kommentar der
Familienmitglieder und Freunde der Kinder, die sich alle an der Suche beteiligt
hatten. Renate glaubte nicht dass ihr Schützling weit weg gelaufen sei und bat
die anderen im Haus zu bleiben. Und sie täuschte sich nicht. Im Garten stand
ein zweckentfremdeter Hühnerstall und dort im aufgestapelten Holz saß er, zog
sich bei Renates Näherkommen sofort in einen Hohlraum zurück. Aber sie hatte
ihn entdeckt und war beruhigt. Er war klug. Er würde die ihm in seiner neuen
Familie gebotenen Annehmlichkeiten beim Anblick der anderen Katzen schon
erkannt haben.
Eine
ganze Woche verbrachte Katerchen in dem Holzstapel. Renate stellte ihm das
Futter hin. Er fraß, wenn sie wieder im Haus war. Nachts freundete er sich mit
den anderen Katzen an, erfuhr einiges über seine neuen Futtergeber und streckte
nach einigen Tagen bereits erwartungsvoll seinen Kopf aus dem Holzstapel hervor
und zeigte seine Freude über das ihm so liebevoll zusammengestellte Futter. Und
dann, an einem Sonntagmorgen, die Familie hatte länger geschlafen, die Katzen
saßen erwartungsvoll in der Küche und hofften, der Tag würde endlich beginnen,
öffnete sich ganz langsam und leise die Katzenklappe und Katerchens Gesicht
erschien. Von der Katzenbande herzlich willkommen geheißen setzte er sich mit ihnen
in die Runde und als Renate die Küche betrat sah es so aus, als wäre er immer
schon bei ihnen gewesen. Sein Leben lang blieb Katerchen misstrauisch und
vorsichtig, aber der Familie gehörte sein Vertrauen.
Natürlich
dauerte es eine Weile bis er sich rundherum in seiner neuen Familie mit all
ihren Stärken und Schwäche wohl fühlte und sein Misstrauen ganz ablegte. Da war
der Schlagzeug spielende Sohn, der auch noch dem Klavier und der Gitarre für
Katzenohren viel zu laute Geräusche entlockte. Aber da auch Oma, Opa und ihr
Hund Nicky immer wieder betonten, sie fänden es schön, wenn die Jugend
musiziert und sie mussten schließlich auch dieses Getöse über sich ergehen
lassen, lernte er, seine Ohren zuzuklappen und den Lärm an sich vorbei
ziehen zu lassen. Das war beim Gekicher und Geschnatter der Freundinnen der
Tochter oft schwieriger. Schließlich wollte er schon wissen, worüber sie
sprachen, auch wenn die Tonlage oft schwierig zu ertragen war, für ihn als
Kater.
Es
wurde Februar. Renate lief schon den ganzen Tag aufgedreht durchs Haus und die
Katzen glaubten, der den ganzen Tag vom Himmel fallende Schnee wäre Schuld
daran. Das konnten sie verstehen. Sie selber rannten immer wieder Schneeflocken
haschend durch den Garten, verfolgten ihre eigene Spur und tobten über
den zugefrorenen Teich. Nur um sich aufzuwärmen gingen sie ins Haus, schliefen
einen kurzen Schlaf und rannten wieder hinaus. Das Lieblingsspiel, und das
sollte auch in schneefreien Tagen lange so bleiben, war
“Bäume
wechseln“. Das lernte ich leider nicht mehr kennen, weil einer der dafür
unbedingt gebrauchten Bäume diesem furchtbaren Sturm in einem Januar vor meiner
Geburt zum Opfer fiel. Aber die anderen haben mir erzählt, wie viel Spaß es
gemacht hatte den Walnussbaum heraufzuklettern, oben angekommen zu warten bis
eine andere Katze in der Blumenesche saß, um dann gleichzeitig
loszurennen, in der Mitte des Rasens sich zuzublinzeln und blitzartig den
anderen Baum hochzuklettern. Bis zum Umfallen wurde diese Spiel gespielt und
die Katzen freuten sich immer wieder über die bewundernden Ausrufe der Familie.
Schon
seit dem frühen Nachmittag durfte Katerchen, der jetzt Luigi hieß, nicht
mitspielen. Er wurde in einem der wenigen Zimmern im Haus festgehalten, aus dem
man als Katze ohne menschliche Hilfe nicht heraus kam. Gemein, sagten alle. Zu
früh vertraut, dachte Luigi.
Es war
schon dunkel. Nicky wurde zusammen mit Luigi ins Auto gesetzt und Renate fuhr
mit ihnen davon und am allerschlimmsten war, sie kam ohne die beiden
zurück.
Später
klärte sich natürlich alles auf. Renate fuhr am selben Abend noch einmal davon.
Diesmal blieb sie viel länger weg und die Erleichterung der Katzen war groß als
sie ihre Kumpel begrüßen konnten, die beide sehr eigenartig durch den Raum
torkelten. Für Alkohol verabscheuende Wesen ein eigenartiges Verhalten. Nicky
wurde freudig von Oma und Opa in Empfang genommen, und der für eine Katze
ungewöhnlich nasse Luigi fiel auf seinen Lieblingsschlafplatz auf Renates
Kuscheldecke und schlief auch sofort ein.
Was
war mit ihnen geschehen? Auch hier ist die Erklärung wieder sehr einfach.
Renate war mit ihnen beim Tierarzt und sie sind kastriert worden. Kaum aus der
Narkose wach keimte Luigis altes Misstrauen wieder auf und er nahm die erste
sich bietende Gelegenheit wahr davonzurennen. Und Renate rannte hinterher,
sozusagen über Stock und Stein. Sie umrundete Hecken, Zäune, betrat fremde
Gärten, immer Luigis weiße Schwanzspitze im Auge, der einzige Anhaltspunkt in
der Dunkelheit, der Gefahr lief, sich im Schnee zu verlieren. Sie stand
erschöpft und mutlos in einem Hauseingang, hatte gerade ein Holzlager umrundet,
in der Annahme, Luigi hätte sich dahinter verborgen und nun fand sie ihn nicht
mehr. Sie dachte an Nicky, der im kalten Auto lag und bestimmt fror. Da
entdeckte sie in einer offenstehenden Garage wieder die weiße Schwanzspitze.
Vorsichtig näherte sie sich dem Ausreißer, sah ihm fest in die Augen, sprach
leise, beruhigende Worte, erzählte von den zu erwartenden schönen gemeinsamen
Tagen und Luigi blieb stehen, erwiderte ihren Blick und ließ sich auf den Arm
nehmen und widerstandslos zum Auto tragen und würde nie mehr Misstrauen
gegenüber seiner Familie empfinden.
Im
Oktober als unsere kleine Kitty starb, Luigis langjährige Freundin und
Begleiterin in glücklichen Stunden, verlor er seine Lebensfreude und sein
Kumpel Carlito, der beste aller Baumstürmer, konnte ihn nicht trösten. Luigi
glaubt, wir Jungen hätten jetzt alles von ihm gelernt, was zu lernen ist und er
will zu Kitty und all den anderen, die ihn in seinem Leben begleitet haben, ins
Regenbogenland und er steht schon auf der Brücke, sieht Kitty und die anderen
winken und sieht dann uns mit großen Augen an, lässt es zu, dass wir ihm
zärtlich mit der Zunge über den Kopf streichen und wir sagen ihm, geh nur
Luigi, geh ganz ruhig und warte auf uns, eines Tages kommen wir auch und bis
dahin werden wir noch viel Erleben, Spaß haben und lachen, aber wir werden dich
nie vergessen.
Kater Enzo , der Geschichtenerzähler, hat das Wort
Vom Geschichtenerzähler Enzo und einem sonnigen September
Es ist Nacht, der Katzen schönste Zeit. An ganz normalen Tagen bin ich mit der Katzenbande zu dieser Stunde schon im Dunkel verschwunden. Die Dächer der umliegenden Häuser, Büsche, Bäume, Gartenhäuser, Keller und ein alter Hühnerstall laden ein zu tausendundeinem Abenteuer. Irgendwann aber haben wir genug Mäuse gefangen, Nachtfalter gejagt und den Kröten hinter her gesehen, die Alten eher, die Kleinen etwas später. Schließlich besitzen sie noch die Ausdauer der Jugend. Und dann wird es auch schon Zeit für den nächtlichen Diskussionskreis. Hintereinander huschen alle Katzen des weiteren Umfeldes in Renates zum Geräteschuppen umgestalteten Hühnerstall, setzten sich auf Abstand bedacht in einem so großen Rund zusammen wie es die Wände des Stalls erlauben und der Austausch der Tagesereignisse beginnt. Die Alten, der vielen Reden müde, setzten sich in majestätischer Haltung auf die Reste der etwas abseits liegenden Strohballen. Sie genießen das Zusammensein wortlos, erinnern sich an vollbrachte Heldentaten und viele Streiche, die die Jungen ihnen niemals zugetraut hätten. Aber sie schweigen, wissen sie doch das Taten aus vergangener Zeit die Jugend wenig interessiert. Ihr Leben steht jetzt im Mittelpunkt. Lenin, seit Minous Verschwinden mein allerbester Kumpel, gesellt sich zu mir. Es gibt Tage, da kann ich seine Anwesenheit nur schwer ertragen, obwohl ich ihn gern habe und seine Art sehr schätze. Aber er kam ins Haus, weil Minou verloren ging...
Natürlich versuche ich die negativen Gefühle zu verbergen, aber Lenin ist sehr feinfühlig und erkennt meine Stimmung sofort und dann zieht er sich traurig in sich selbst zurück. Heute geht es mir gut und Lenin ist entspannt und glücklich. Er lebte in seinem ersten Lebensjahr mit neun anderen Katzen bei einer sehr alten Dame. Sie wurde krank und es blieb keine Hoffnung auf Genesung und ihre Kinder kamen aus der Ferne und brachten Lenin und seine Familie in das seit einiger Zeit ständig überfüllte Tierheim. Sie wurden gut versorgt und fügten sich geduldig in ihr Schicksal. Als Renate meine Trauer über den Verlust meiner kleinen Schwester nicht mehr mit ansehen konnte, sie selber bei meinem Anblick auch immer trauriger wurde und die alten, ach was sage ich, die uralten Katzen Luigi, Kitty und Carlito auch nur weise Sprüche von sich gaben, sagte sie, jetzt ist Schluss mit der Trauer, jetzt fahre ich ins Tierheim, und sie sah Lenin in die Augen und spürte, das ist der richtige Kumpel für Enzo. So war es auch und er ist es immer noch. Die kleine alte Kitty ist gestorben, aber das ist eine andere Geschichte und es kamen die wunderschöne Arischa und ihr Halbbruder Dimitri ins Haus. Heute durften die beiden das erste Mal mit uns in die Dunkelheit hinaus. Mit großen staunenden Augen liefen sie an unserer Seite, tobten, haschten nach Unbekanntem, wollten gar nicht mehr von dem mit Efeu bewachsenen Dach herunter kommen, fielen fast in den Teich. Aber Lenin und ich sind gute Pflegeväter, keinen Augenblick lassen wir sie aus den Augen.
Jetzt sind wir vollzählig versammelt, fast vollzählig muss ich bemerken. Der dicke Bilbo trudelt immer etwas später ein. Er kontrolliert noch diverse Futternäpfe, die die Menschen für die Igel gefüllt haben. Nicht das jetzt jemand etwas Falsches denkt, er kontrolliert sie nur, sein Körperumfang spricht für sich, er hat das nicht nötig, er wird bestens versorgt.
Alle Augen sind auf mich gerichtet, wollte ich doch vom wunderschönen Herbst mit Minou erzählen. Lenin und die Kleinen kennen die Geschichte auch noch nicht und ich überlege, wie ich beginne.
Es war September, wunderschönes Wetter und Renates Mann packte das Auto, schleppte Koffer, Katzenkörbe, Spielzeug, Blumenstauden, Bambus, und Büsche, alles Ableger aus unserem Garten, ins Auto. Minou und mich verfrachtete er im Reisekorb, und alles wurde im Auto verstaut. Die Alten wollten zu hause bleiben, Reisen lehnten sie ab. Für Betreuung, Fressen und Streicheleinheiten war gesorgt. Unser Ziel war der Garten, indem One und Two in jeder freien Minute Fußball spielen. Hier begann unsere Freundschaft. Gemeinsam wurde gebuddelt, gegossen, Ball gespielt und traurig kletterten wir nach einer Woche wieder ins Auto, als es nach getaner Arbeit, viel Geschnatter und Gelächter, Sekt trinken, Kuchen essen und Sahne schlecken, Herzen und Küssen hieß, Abschied zu nehmen, ab nach Hause.
Kommen wir von einer längeren Fahrt zurück führt Renates Schritt sie zuerst in den Garten. So auch diesmal. Unseren Reisekorb noch in der Hand, sich hinunter beugend um ihn abzustellen, fällt ihr Blick auf die Wiese unter den Walnussbaum. Oh Schreck, Minou und ich springen aus dem Korb, den Renate unsanft, aber bereits geöffnet, auf die Erde fallen lässt. Was ist passiert? Die gesamte Nachbarschaft scheint ihre Regenfässer, Speisskübel und einen Pool auf unserer Wiese abgestellt zu haben. Schnell löst sich das Rätsel. Der Teich hat ein Loch, die Fische sind in den Pool umgezogen, die Wasserpflanzen versuchen in den zahlreichen Behältern zu überleben. Das mussten wir begutachten. Wir rannten zum Pool und vorsichtig balancierten wir auf dem dicken Luftring. So nah waren wir den Fischen noch nie. Renate hatte uns von Anfang an unmissverständlich erklärt, sie duldet nicht, wenn wir Tiere töten, ausgenommen Mäuse und Ratten. Schweren Herzens richten wir uns danach, auch wenn es an manchen Tagen sehr schwer fällt, vor allem dann, wenn wir alleine sind und unsere Taten von niemanden bemerkt werden. Renate trat an den Pool, nahm jeden von uns in eine Hand und aus war der Traum, den Fischen nahe zu sein.
In den nächsten Tagen verwandelte sich der Garten in ein wunderschönes Chaos und der Teich war nur noch ein großes Loch mit steilen Wänden. Minou und ich waren erst ein paar Monate alt und dieser Trichter riesig und auf Renates Wunsch vergrößerten ein paar nette junge Männer ihn noch und legten Terrassen an, formten und verschönerten die gesamte Ansicht, und unsere Spiellandschaft war vollkommen. Wir jagten uns kreuz und quer, hinauf und herunter und rundherum. Im Flachland geboren und aufgewachsen konnten wir uns jetzt vorstellen, wie schön es sein muss in den Bergen herumzulaufen. Alles machten wir gemeinsam. Selbst der alte Luigi gesellte sich an diesen Sonnentagen zu uns, und wenn er auch nicht mehr soviel tobte, den herunter kullernden Lehmbrocken lief er auch hinterher. Kitty lag auf ihrem Lieblingstisch und blinzelte uns wohlwollend zu. Immer wieder liefen wir zum Pool, sahen Renates besorgten Blick. Sie fürchtete um Goldorfen, Koi und Bitterlinge. Zügig sollte die Arbeit voran schreiten, damit vor dem Winter alles schön gemütlich für die Fische wäre. Und eines Tages war es dann soweit. Wir wurden des Teiches verwiesen, freundlich aber bestimmt. In angemessener Entfernung beobachteten wir die starken Jungs, die die riesige Plane mit lautem Hauruck auslegten, sich gegenseitig auf die Schulter klopften und Renate zufrieden lachte. Regenwasser lief ein, Unterwasserpflanzen wurden eingesetzt und die Spannung stieg. Was passiert mit den Fischen. Können wir vielleicht doch einen schnappen, einen ganz kleinen? Ihr könnt es euch denken. Wie geschickt wir es auch anstellten, Renate ließ sich nicht ablenken. Minou veranstaltete die größten Faxen, stellte sich auf die Hinterbeine, imitierte ein Erdmännchen, verfolgte auf dem Rand des Pools einen Marienkäfer, zeigte kein Interesse für die Fische. Pirouetten drehend tanzten wir zu den Fässern, knabberten an Gräsern, folgten springend einem weißen Schmetterling. Renate amüsierte sich über unsere Mätzchen, durchschaute sie aber. Sorgsam nahm sie die Fische aus dem Pool, in dem nur noch wenig Wasser war und ließ uns erst aus den Augen als der letzte Fisch umgesetzt war. Erschöpft aber zufrieden nahm sie uns auf den Arm, stellte sich an den Teich und wir schauten gemeinsam den dicken Goldorfen zu, die aufgeregt ihre Bahnen zogen. Endlich wieder Platz, riefen sie. Aber das verstanden nur Minou und ich. Stolz erzählten wir allen im Garten lebenden Tieren, die Fische haben die Aktion unbeschadet überlebt. Seite an Seite saßen wir von nun an jedem Abend am Wasser, beobachteten die Fische, sahen den Wasserläufern zu, und grübelten, wie sie es schafften ohne Hilfe über das Wasser zu laufen. Wir versuchten das auch, immer wieder, wir wollten nicht glauben, dass diese kleinen Käfer etwas können, das uns nicht gelang. Aber unsere Versuche scheiterten kläglich. Immer wieder versanken wir im Wasser, schwammen jedes mal aufs Neue erschrocken ans Ufer, beobachteten weitere Stunden, ja Tage, die kleinen Tiere und ergründeten ihr Geheimnis nicht. Nachdem wir dann noch einige missglückte Laufversuche auf dem Wasser unternahmen, den im Zickzack-Kurs fliegenden Libellen hinterher sprangen und dabei auch im Wasser landeten, und zu unserer Schmach jedesmal in ein Badetuch gewickelt wurden, gaben wir auf und achteten auf einen angemessenen Abstand zu allen am und im Wasser lebenden Tieren. Nichts sollte uns mehr locken.
Wenn Minou und ich aus lauter Neugier und Übermut ins Regenfass fielen, Renate uns trocken rubbelte und tröstende Worte sprach, das konnten wir genießen. Das tat gut. Aber nach einem wohl überlegten Versuch, der dann kläglich scheiterte, lachend in ein Handtuch gewickelt zu werden, das war zu viel, das war gegen die Katzenehre. Da waren Minou und ich einer Meinung.
doch immer wieder, dass die Arbeitsplatten der Küche und der Eßzimmertisch keine Schlafplätze waren.
Aber alle hatten sich getäuscht. Er wurde ein paar Straßen weiter, da wo die neue Wohnsiedlung entstand, in einem der bereits bezogenen Häuser gesehen, sonnte sich frei aller Verantwortung in der Bewunderung der Spaziergänger. Wir vermissten ihn nicht, so viele Kinder, Hunde, Katzen tobten auf unserer Wiese herum und bald wurden Minou und ich auch schon zu Renate und ihrer Familie geholt. Aber das habe ich ja schon erzählt.
Heute wollte ich doch von unserem Freund Aljoscha erzählen, der meistens irgendwo in Afrika unterwegs ist und nur wenig Zeit in unserem eiskalten Deutschland verbringt. Aljoscha erzählt uns immer wieder wunderschöne Geschichten von den Menschen in Afrika, deren Haut oft so schwarz ist wie mein Fell, von Tieren und Pflanzen, deren Namen ich immer wieder vergesse. Von der Wärme, nicht nur der Sonne, sondern auch der Menschen untereinander, und von den furchtbaren Kriegen, der Armut und den vielen Krankheiten und das Elend, das damit begann, dass weiße Menschen über diesen Kontinent herfielen, Dörfer zerstörten, die Einwohner verschleppten und zu ihren Sklaven machten. Das ist nun schon viele Jahre her, aber immer noch werden Afrikas Völker ausgebeutet, ihrer Bodenschätze beraubt. Mit welchem Recht sahen die Eindringlinge auf die afrikanischen Kulturen herab. Nur weil sich niemand die Mühe machte, sie zu verstehen sich selber als Gottes Krönung der Schöpfung verstand, und Toleranz völlig unbekannt war, raubte man den Bewohnern eines ganzen Kontinents die Wurzeln und ihre Würde.
Bevor Aljoscha zu traurig wird, erzählt er von der wunderschönen Musik, die er dort kennen gelernt hat und wie er mit seinen Freunden gemeinsam musiziert.
Oft hören wir monatelang nichts von ihm und wenn er sich wieder einmal meldet, ist die Freude besonders groß. Vor gar nicht langer Zeit war er in Deutschland und sah Renate beim Schreiben über die Schulter, war begeistert von der Möglichkeit das Geschriebene im Internet vielen Menschen zum Lesen zur Verfügung zu stellen und schrieb auch. Es dauerte nicht lange und er wurde wieder nach Afrika gerufen, nach Tansania. Das ist ein ganz besonders armes Land. Selbst in der Hauptstadt fällt mehrmals am Tag der Strom aus, Internetverbindungen sind selten stabil.
Vor seiner Abreise bat er mich einen Text den er auf Renates Computer geschrieben hat zu veröffentlichen. Leider handelt er nicht von Afrika, aber er versprach, ist er wieder einmal hier, wird er von den Menschen in Afrika erzählen.
Von unserem Freund Aljoscha
Gedanken eines unbedeutenden Mannes
Seit er das erste mal sein Bild im Spiegel wahrnahm, vielleicht mit zwei oder drei Jahren, und sich erkannte, wusste er, er würde es schwer haben im Leben.Umgeben von schönen Menschen konnte er die Unzulänglichkeiten seines Äußeren nicht in die hinterste Schublade seines Gehirn verstauen. Die Gedanken daran kamen immer wieder hervor. Oft zweifelte er, dass eine Eltern und Geschwister den äußerlichen Unterschied bemerkten. Hatten sie sich an sein rundes pausbäckiges Gesicht mit den zu kleinen Augen gewöhnt? Mit zwanzig Jahren sah er immer noch aus wie ein kleiner Junge. Da half auch seine Körpergröße nicht. Trotzdem erfüllte es ihn mit Stolz zu dieser Familie zu gehören, denn sie waren nicht nur schön anzusehen, heiter und liebevoll gingen sie miteinander um. Seine älteren Brüder brachten schon früh ihre Freundinnen mit nach Hause und auch sie behandelten ihn nie wie einen Außenseiter, obwohl er sich doch oft so fühlte.
Niemals hätte er mit jemanden über diese Last gesprochen. Er befürchtete, ausgelacht zu werden. Kannte er doch aus vielen Gesprächen, oft nächtelang geführt, die Einstellung seiner Lieben. Zu oft hatten sie die Hoffnung formuliert, das Volk würde sich wieder seines Seins als Mensch besinnen, füreinander da sein, nicht nur in Sonntagsreden die Würde des anderen achten und sich endlich nicht mehr von Industrien verführen lassen, Gedanken, Zeit und Kraft nur dazu einzusetzen, die in Glanzprospekten angebotenen Waren besitzen zu müssen, in der Hoffnung, endlich glücklich zu sein.
Er war seinen Eltern dankbar, dass sie ihm schon in frühen Kindertagen die Möglichkeit gaben zu erkennen, nicht der Name des Designer auf dem Shirt ist wichtig, sondern wie der Mensch handelt, der in dem Shirt steckt. Und er lernte früh, auch über die Qualität des Produkts sagt der Name nicht unbedingt etwas aus. Sein Leben war ein gutes Leben, wären da nur nicht diese immer wieder kehrenden negativen Gedanken zu seinem Äußeren. Aber egal welche Zeitung er aufschlug, welchen Fernsehsender er einstellte, überall verkündeten die stillen Botschaften, schön musst du sein, um im Leben etwas zu erreichen. Einmal zuckte ihm der Gedanke durch den Kopf zu einem Schönheitschirurg zu gehen, seine Pausbacken etwas weniger füllig gestalten zu lassen, aber er verwarf das schnell. Operationen kannte er nicht, und das war gut so. Das wollte er dann doch nicht freiwillig ändern. Wenn die Last ihm allzu schwer auf dem Herzen lag ging er in den Keller, setzte sich an sein Schlagzeug und trommelte los. Waren seine Brüder und Freunde im Haus gesellten sie sich dazu, griffen nach ihren Instrumenten und fügten sich mühelos mit ihren Harmonien in seinen Rhythmus ein. Manchmal dachte er, würde einer aus seiner Familie nur ahnen welche Sorgen ihn beschäftigten, sie würden mit ihm reden und reden bis er ihnen glaubte, er, der lange dünne Kerl ist ein liebenswerter Mensch, bei dessen Anblick seinem Gegenüber das Herz aufgehen muss.
Heute war ein besonderer Tag. Im Haus hatten sich viele Menschen versammelt eine Hochzeit zu feiern. Er freute sich mit dem Brautpaar. Alles war perfekt, die Gäste gut untergebracht, der Garten mit zahlreichen Lichtern ausgeschmückt, das Essen mit Hilfe der Nachbarn vorbereitet. Leicht wurde es ihm ums Herz und er spürte, das würde ein guter Tag. Heiterkeit und erwartungsvolle Vorfreude füllte das Haus und am Abend würde er zusammen mit seinen Freunden zum Tanz aufspielen. Lächelnd verließ er sein Zimmer und gesellte sich zu den Gästen.
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